" /> Big Bend - Rena Mortalis
Big Bend

Big Bend


Plitsch, plitsch, mit einem dumpfen Platsch verschwindet der Kiesel im Rio Grande. Ich werfe noch einen, platsch und treffe wieder nicht. Eigentlich will ich die Steine rüber bis nach Mexiko werfen. Aber ich werfe wohl wirklich wie ein Mädchen. Und dabei verdient der Rio Grande seinen Namen gar nicht. Da ist die Rur in Düren ja breiter. Na ja, aber tiefer wird er wohl sein und definitiv schneller.

Ich starre auf den Schlund des Santa Elena Canyons, wo meine Eltern vor einer halben Stunde verschwunden sind. Sie wandern gerne. Ich hasse wandern. Wenn es nach mir ginge, wären wir jetzt in New York. Da hätten meine Freundinnen gestaunt, wenn ich als Upstyler ausm Urlaub zurückgekommen wäre. Da ist es auch nicht so matschig wie hier. Ich würd viel lieber die Freiheitsstatue sehen, als diesen blöden Canyon. Der Parkranger hat gesagt, hier hätte es eine Sturmflut gegeben. Sturmflut in der Wüste, schon komisch. Ob der Rio Grande deshalb so viel Erde mit sich trägt? Richtig schlammig sieht er aus. Kupferfarben-schlammig. Wie die Erde eben. Bis vor kurzem war der Pfad in den Canyon noch geschlossen. 

„Seht ihr, ich hab immer Glück mit so was“, hat Papa dazu gesagt.

Sein Glück, aber mein Pech. Hier werden nur meine Turnschuhe dreckig. Die sind schon ganz rot vom Staub. Deswegen bin ich am Flussufer sitzen geblieben. Ich hab mich einfach geweigert weiter zu gehen. Ich hab mir hier ein schönes Eckchen Schatten gesucht und Libellen surren um mich rum, über die kleinen Pfützen und über den Fluss. Sie sind ungefähr so groß wie mein kleiner Finger und knall-orange und pink. Zu Hause haben wir nur die flaschengrünen. Die hier sehen eher aus wie außerirdische Käfer. Jetzt kommt eine ganz nah und landet auf einem Grashalm neben mir. Ihre Flügel sind wie Feenpapier. Vielleicht verwandelt sie sich ja in eine kleine Fee mit pinkem Kleid. Nein, die Libelle zuckt nur mit den Flügeln und fliegt weg.

“Oye, amiga mía. ¿Quieres comprar unos recuerdos?”

Ich schrecke zusammen. Wo kam das denn her? Ich kneife die Augen zusammen, weil das Wasser blendet. Da ist ein Mädchen am anderen Flussufer. Sie winkt mir zu. Ich schaue den Canyon entlang. Wo sind meine Eltern nur? Vielleicht sollte ich mich besser im Auto einschließen? Der Parkranger hat uns vor Mexikanern gewarnt, die über den Fluss kommen. Er hat gesagt, dass es gegen das Gesetz ist, etwas von ihnen zu kaufen. Außerdem stehen hier an allen Parkplätzen Schilder, dass sie in Autos einbrechen. Ob das Mädchen alleine ist? Ich hätte doch mit meinen Eltern gehen sollen. Was, wenn der Parkragner rausfindet, dass ich mit Mexikanern gesprochen habe. Ist das auch schon gegen das Gesetz?

Was macht sie denn jetzt? Sie zieht ein altes Kajak aus einem verfallen Unterstand hervor. Den hab ich vorher gar nicht gesehen. Sieht auch eher aus wie hingeschmissen als wie von Menschen gebaut. Sie will doch nicht etwa hier rüber kommen? Das Kajak sieht nicht so aus, als würde es das aushalten. Das hat bestimmt ein Loch. Die rote Farbe ist schon ganz ausgeblichen und blättert ab. Jetzt hat sie es bis zum Wasser geschafft. Schwimmen tut das Ding jedenfalls. Sie könnte es schaffen. 

Das nehm ich zurück. Ihr Plastikpaddel sieht nicht besser aus als das Kajak. Da fehlt mindestens das untere Drittel. Ich schaue den Fluss rauf und runter. Nichts, keine Bewegung, weder auf der einen noch der anderen Seite. Die Strömung muss doch ganz schön stark sein. Wie schafft sie es, nicht davon abgetrieben zu werden? Außerdem liegt das Kajak rechts tiefer als links. Hat bestimmt ein Loch. Das Mädchen lacht. Sie hat es fast geschafft. Ihre Zähne sind groß und weiß. Ihre Haut hat die Farbe von Kaffeebohnen und ihr Gesicht ist wie das einer Katze. Und genauso leichtfüßig steigt sie aus dem Kajak und zieht es aus dem Wasser. Der Rumpf hinterlässt eine tiefe Furche im Matsch. Ich weiche ein paar Schritte zurück in Richtung unseres Wagens.

„Hola, me llamo Menchu. ¿Y cómo te llamas tu?”

Ich schüttle den Kopf und schaue über die Schulter nach hinten. Wenn ich schnell bin, bin ich am Auto, bevor sie mich einholen kann.

„Tus ojos azules son muy bonitos. ¿Eres americana?”

Jetzt hat sie den Platz erreicht, wo ich eben gesessen habe. Sie schaut auf etwas am Boden. Meine Brotdose.

„¿Los necesitas? Tengo mucho hambre.“

Ich schüttle wieder den Kopf. Sieht sie denn nicht, dass ich sie nicht verstehe?

„¡Muchas gracias!“ Sie setzt sich hin und öffnet die Brotdose.

„He, das ist mein Mittagessen.“ Ach, auch egal. Ich mag Mamas Brote sowieso nicht.

„Son ricos. Me gusta el beicon.“

Sieht so aus, als würde es ihr schmecken. Ich wische mir mit dem Handrücken über die Stirn. Hier in der Sonne ist es ganz schön warm! Ich kann schon den Schweiß unter meinen Achseln fühlen und am Bund meiner Hose. Im Auto ist es jetzt sicher wie in einem Backofen. Und Papa hat nicht abgeschlossen, aber den Schlüssel mitgenommen. Das heißt, ich kann sowieso nicht die Klimaanlage einschalten. War bestimmt auch seine Absicht, damit ich nicht zu viel Benzin verbrauche. Die nächste Tankstelle ist an der Panther Junction, 56 Kilometer von hier. 

Ich trotte zu dem Fleck im Schatten zurück, schaue zu, wie das Mädchen meine Brote runterschlingt. Dann schau ich aber weg. Ich will sie ja schließlich nicht anstarren. Ich wechsle von einem Fuß zum anderen. Eine Libelle schwirrt vorbei, dreht um und verschwindet hinter unserem Auto.

„¿Te gustan las libélulas?“, fragt das Mädchen.

„Was?“

Sie zeigt auf etwas. Ich folge ihrem Finger.

„Muy tarde. No has mirado lo suficientemente rápido.” Sie lacht und zeigt auf etwas anderes. Was meint sie? Lacht sie mich aus? Jetzt breitet sie die Arme aus und wedelt sie wild auf und ab. „Libélulas. Libélulas.“

 „Libellen. Du meinst die Libellen.“ 

„¡Sí! Li-be-len.“ Sie klatscht in die Hände. „Te gustan las libélulas?“

„Ich mag sie. Sie haben sehr schöne Farben.“ Sie versteht bestimmt nicht, was ich sage.

Das Mädchen streckt ihren Zeigefinger in die Luft. Was wird das jetzt? Ich glaub’s nicht. Da landet doch tatsächlich eine Libelle auf ihrem Finger. Wie hat sie das nur gemacht? Der Libellenleib ist wie ein Strich orangefarbenen Neon-Textmarker. 

„¡Dame tu mano! Vayamos de viaje.“ Sie streckt mir ihre Hand entgegen. Die auf der keine Libelle sitzt. Ich zögere und sie packt einfach zu. 

„Was machst du?“, rufe ich und versuche mich aus ihrem Griff zu winden.

„No tenga miedo.“

Mein Magen und die Welt machen einen Purzelbaum. Mein Magen einen vorwärts und die Welt rückwärts. Da ist ein komischer Geschmack in meinem Mund. Der Fluss flimmert und verschwimmt vor meinen Augen. Da ist ein ganz lautes Brummen in meinen Ohren wie von Proppellerflügeln. Mir wird schwindelig. Mir ist, als würde sich alles in mir zusammenziehen. Und dann spüre ich nichts mehr unter meinen Füßen. Als würde ich schweben. Nein, fliegen. Ich sitze auf dem Rücken der Libelle. Und wir fliegen! Zwischen Schilfhalmen hindurch, die im Fahrtwind pfeifen. Wir sausen vorbei und ich halte mich an der Taille des Mädchens fest. Die Libelle macht einen Sturzflug. Der Wind zerzaust meine Haare und reißt mein Haargummi heraus. Das wird wehtun, wenn ich die Knoten wieder rausbürste. Wenn ich meine Haare nur in mein Oberteil stecken könnte. Aber ich traue mich nicht loszulassen. Die Libelle zieht hoch und jetzt sind wir parallel zum Boden. Es riecht nach Fluss und Mineralien und… wir steigen weiter nach oben. Ich kann unser Auto sehen. Ein weißer Eisberg in der Wüste. Die Sonne scheint in den getönten Scheiben. Eine plötzliche Wende und wir fliegen zum kupferfarbenen Fluss. Er ist schnell, turbulent, wild. Wir müssen hochschießenden Wassertropfen ausweichen, die größer als unsere Köpfe sind. Wenn einer uns trifft, fallen wir runter. Aber die Libelle ist gut im Slalom fliegen. Der Wassernebel ist schön kühl auf meiner Haut. 

„Juhuu!“, rufe ich und überrasche mich damit selber.

Das mexikanische Mädchen lacht. „¡Qué divertido! ¿verdad? ¡Vamos! Velemos a México.“

Hat sie Mexiko gesagt? Wir sind schon fast am anderen Ufer. Ich will nicht nach Mexiko. Ich hab doch meinen Reisepass gar nicht bei mir. Wie soll ich da wieder in die USA zurückkommen? „Stopp! Halt an. Ich will wieder zurück!“

Sie lacht. Ihre Augen werden zu Schlitzen wie bei einer fauchenden Katze. „México es muy bonito. ¡Piénsalo!“

Ich will zurück zum Zeltplatz. „Nein, lass mich runter!“

„Eres bastante miedosa.“ Ihr schrilles Lachen vermischt sich mit dem Surren der Libelle. Das Mädchen klopft dem Insekt auf den Kopf und die Libelle macht einen Salto und dreht dann um. Meine Muskeln entspannen sich. Ich nehme die Arme von der Taille des Mädchens und suche nach einer Stelle auf dem Libellenpanzer, an dem ich mich festhalten kann. Er ist so glatt wie Emaille. 

Wir haben den Fluss hinter uns gelassen. Plötzlich fliegt die Libelle eine scharfe Linkskurve und ich verliere den Halt. Ich rutsche zur Seite, versuche mich wieder aufrecht hinzusetzen, aber die Libelle setzt zum Sturzflug an und ich falle. „Hilfe!“

Das Mädchen schnappt nach meiner Hand. Ich hänge mitten in der Luft. Die Erde weit, weit unten.

„¡Aférrate!“

Aber meine Hand ist wie ein nasser Fisch. Ich rutsche, falle Richtung Boden, schreie…

Ich liege am Flussufer. Meine Kehle ist trocken und kratzig. Ich richte mich auf und schaue mich um. Das Mädchen ist weg. Auch das Kajak ist weg. Nur der Unterstand am anderen Ufer ist noch da. Ich rufe: „He, wo bist du?“

Meine Stimme hallt vom Canyon wieder.


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